Historie der Burg - Schuhstr. 48
Heide-Burg

Gegeben in der Heideburg zu Cell-Erika,
am 23. Tag im Lethemond a.U. 167 (23.10.2026)
"Die Geschichte des Hauses Schuhstraße 48
und ihrer früheren Eigentümer und Bewohner"
Schlaraffen hört!
Ich habe mir für meine Ritterarbeit die Aufgabe gestellt, über die Geschichte unserer Burg, des Hauses Schuhstraße 48, und ihrer früheren Eigentümer oder Bewohner zu sprechen.
Als erstes bin ich der Frage nachgegangen, wann das Haus Schuhstraße 48 errichtet wurde, denn die Fassade weist, wie es bei den meisten Celler Fachwerkhäusern der Fall ist, insoweit keine Datierung auf.
In einem internen Papier der Cell-Erika aus dem Jahre 2002 im Zusammenhang mit dem damaligen Kauf des Grundstücks, das mir der Ritter van Farbilus zur Verfügung gestellt hat, wird ein Baujahr „um 1680" genannt. Doch ich wollte es genauer wissen.
So führten mich meine Schritte, besser gesagt das Auto meiner Burgfrau, in das Celler Stadtarchiv, das in Westercelle im Haus der ehemaligen Gemeindeverwaltung untergebracht ist. Ich hatte gelesen, dass es dort für Celles Innenstadt eine Häuserkartei gibt, die über Jahrhunderte zurück, Haus für Haus über die jeweiligen Eigentümer und deren Berufe informiert, soweit historisch noch nachvollziehbar.
Und siehe da: Die unser Haus betreffenden Eintragungen beginnen hier schon im Jahre 1617 mit dem Namen des damaligen Eigentümers Pohle, so dass ich anfangs davon ausgehen durfte, dass das Haus schon vor dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges errichtet worden sein muss und nicht erst „um 1680“.
Doch meine Freude über diese Entdeckung erwies sich leider schon bald als verfrüht.
Die Celler Innenstadt steht als Ganzes unter Denkmalschutz und die Denkmalschützer haben, wie ich feststellen konnte, mit ihrem speziellen Sachverstand jedes Haus hinsichtlich seiner Entstehung genau unter die Lupe genommen. Für das Haus Schuhstraße 48 sind sie zu dem mich zunächst überraschenden Ergebnis gekommen, dass dieses offensichtlich erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtet worden ist, also nach dem Tod des letzten Celler Herzogs Georg Wilhelm im Jahre 1705 und dem damit verbundenen Verlust der Celler Residenz.
Doch wie erklärt sich dies mit den Eintragungen in der Häuserkartei des Celler Stadtarchivs, nach denen in der Schuhstraße 48 schon mindestens hundert Jahre früher sogar namentlich genannte Menschen gewohnt haben sollen?
Die Antwort darauf lautet: Das heutige Haus Schuhstraße 48 ist entsprechend den Einschätzungen der Denkmalschützer zweifelsfrei ein Neubau aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der jedoch an die Stelle eines Altbaus aus dem frühen 17. oder gar späten 16. Jahrhundert getreten ist.
Die Verfasser der Häuserkartei haben den Neubau offensichtlich wie eine Grundsanierung des Altbaus gewertet und sind so zu einer ununterbrochenen Eigentümerfolge bis in das Jahr 1617 gekommen.
Letzter Eigentümer des Altbaus und erster Eigentümer des Neubaus dürfte ein Heinrich Christoph Bierwirth gewesen sein, der hier der Häuserkartei folgend von 1724 bis 1752 als Eigentümer des Hausgrundstücks Schuhstraße 48 gelebt hat.
Unsere heutige Burg ist also in der Tat erst rund 300 und nicht 400 oder vielleicht noch mehr Jahre alt, wie es aufgrund der Häuserkartei zunächst den Anschein haben konnte.
Jetzt könnte allerdings zurecht eingewandt werden: Das ist ja alles sehr schön, aber Celle ist doch schon im Jahre 1292 gegründet worden und was ist denn in den späteren gut 200 Jahren danach in der Schuhstraße passiert, deren früheste Bauten erst ab 1540 nachgewiesen werden können?
Die Antwort darauf ist relativ kurz:
Wir wissen insoweit fast gar nichts! Außer dem Schloss, der Stadtkirche und Teilen des Rathauses gibt es in der Celler Altstadt heute keine mittelalterlichen Gebäude mehr. Die Vergänglichkeit des Baustoffs hat die Häuser aus den ersten zwei Jahrhunderten schlichtweg vollständig verschwinden lassen.
Lediglich die Schuhstraße als solche und die anderen Straßen aus der Gründungsphase der Stadt überlebten die Zeiten bis heute. Allerdings waren die mittelalterlichen Straßen damals nichts anderes als unbefestigte Wege, die sich aus heutiger Sicht in einem katastrophalen Zustand befanden.
Clemens Cassel schreibt hierzu in seinem vor etwa einhundert Jahren erschienenen zweibändigen Werk zur Celler Stadtgeschichte, dass zum Beispiel die Hehlentorstraße noch in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts nur in Stiefeln hätte begangen werden können, obwohl sie Teil eines in Nord-Süd-Richtung durch Celle verlaufenden überregionalen Hauptverkehrsweges gewesen war. Und im Falle der Schuhstraße hätte man bei jüngeren Ausschachtungsarbeiten für die Kanalisation in größerer Bodentiefe noch morastige, nur mit Reisig überdeckte Stellen gefunden, womit die Straße wenigstens notdürftig in einen überschreitbaren Zustand versetzt werden sollte (vgl. Cassel, Geschichte der Stadt Celle, 1. Band, 1930, S. 38/39 und 242).
Wie es seinerzeit zu dem Namen „Schuhstraße“ gekommen ist, der urkundlich erstmals 1462 nachgewiesen ist, darüber gibt es verschiedene Versionen. Eine lautet, dass hier in grauer Vorzeit vielleicht Schuhmacher oder Schuhhändler ansässig gewesen wären und dass die Straße nach ihnen benannt worden wäre. Sollte es so gewesen sein, wäre die Schuhstraße in der Celler Altstadt allerdings die einzige Straße, die nach Händlern oder Handwerkern benannt worden wäre.
Von einer Kramer-, Höker-, Bäcker-, Schmiede-, Knochenhauer-, Sattel- oder Tuchmacherstraße, wie ich sie von Stade oder Hannover kenne — in Celle keine Spur. Eine zweite, sehr viel wahrscheinlichere Meinung besagt, dass das Wort „Schuh“ vielleicht auf eine heute verlorene Flur oder Ortsbezeichnung zurückzuführen sei, während eine dritte darauf abhebt, dass diese Straße extrem verschmutzt und ohne festes Schuhwerk nicht begehbar gewesen wäre. Man sieht: Den Ortshistorikern wird die Arbeit nicht ausgehen!
Ich will mich nun der bereits eingangs erwähnten zweiten Frage nach den Eigentümern oder Bewohnern des Hauses Schuhstraße 48 zuwenden, und zwar sowohl des Alt- wie des Neubaus.
Insgesamt hat das Hausgrundstück in seinen ersten 200 Jahren von dem bereits für das Jahr 1617 erwähnten Heinrich Pohle bis zum Jahre 1817 insgesamt neun Eigentümer erlebt. Dabei handelte es sich überwiegend um Personen mit unterschiedlichen Berufen im rein kaufmännischen oder handwerklich-kaufmännischen Bereich. Insgesamt gehörten sie durchweg einer herausgehobenen Bevölkerungsschicht an.
Zu nennen wären hier vor allem vier Mitglieder einer Familie Bierwirth. Die Familie war gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges aus der Gegend um Bissendorf nach Celle eingewandert und hat hier im 18. und 19. Jahrhundert deutliche Spuren hinterlassen. So hatte es ein allerdings nicht zum Schuhstraßenzweig gehörender Bierwirth bis zum Bürgermeister gebracht, ein anderer soll durch den Kauf der späteren Wulkop'schen Wachsbleiche ein reicher Mann geworden sein. Zur Erinnerung an diese Familie hat die Stadt einer kleinen Straße nördlich der Aller im Bereich des Rolands die Bezeichnung „Bierwirths Wiese" gegeben.
In die Geschichte der Schuhstraße 48 gehört aber auch ein „Senator" Johann Peter Wünning. Senatoren waren seinerzeit auf Lebenszeit bestellte Mitglieder eines achtköpfigen Gremiums, das über die Geschicke der Stadt zu befinden hatte.
In Spangenbergs „Historische Beschreibung der Stadt Celle“ aus dem frühen 19. Jahrhundert, dem die Spangenbergstraße ihren Namen zu verdanken hat, aber auch in dem vor etwa 40 Jahren erschienenen „Celle Lexikon“ von Möller ist von einem Philipp Wünning die Rede, der von 1781 bis 1823 in Celle gelebt haben soll und als Dichter — sein Hauptwerk trägt die Überschrift: „Poetische Versuche“ — und Herausgeber philosophischer Schriften beschrieben wird.
Es hätte mich schon gereizt, dieser Spur für unser Haus nachzugehen. Doch im Hinblick auf mein „jugendliches“ Alter werde ich diesen möglichen Schatz für unsere Burg nicht mehr heben können, nachdem ich feststellen musste, dass es seinerzeit nicht nur ein paar, sondern sehr viele Wünnings im Celler Raum gegeben hat.
(Junker Frank ist 90 Lebensjahre jung – Anm. des Webmasters)
Letztlich soll als Eigentümer des Hauses Schuhstraße 48 auch noch Carl Christian Lauenstein genannt werden, der dieses 1802 gemeinsam mit einem ihm damals noch geschäftlich verbundenen Bierwirth, wenn auch nur für kurze Zeit, erworben hatte. Lauenstein war kurz zuvor Celler Bürger geworden, hatte das große dreigeschossige Fachwerkhaus Markt 18 errichten lassen und gemeinsam mit seinem Freund Bierwirth eine Kolonial- und Materialwarengroßhandlung en gros und en detail gegründet, die über 160 Jahre bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts im wirtschaftlichen Leben Celles eine große Rolle gespielt hat. Ein Lauensteinplatz und eine Lauensteinstraße tragen heute dazu bei, die Erinnerung an diese Celler Familie wach zu halten.
Nach den geschilderten, ersten 200 Jahren gelangte das Haus für rd. 60 Jahre in die Hände von zwei Bäckern und einem Schlachter.
Danach ab dem Jahr 1877 begann eine Periode, in welcher das Haus über fast 140 Jahre im Großen und Ganzen durchgehend bis 2013 gastronomisch genutzt wurde. An das zuletzt hier betriebene „Celler Stübchen" wird sich vielleicht noch manch einer gern erinnern.
Abschließend einige Worte zur Inschrift, die an der Fassade unseres Hauses zu lesen ist.
„Licht und Schatten muß es geben, soll das Bild vollendet sein.
Wechseln müssen drum im Leben tiefe Nacht und Sonnenschein“
Wer denkt bei diesen Zeilen nicht sogleich an unsere schlaraffischen Begriffe des AHA und des OHO. Ich habe meine Burgfrau gefragt, ob ihr der obige Spruch etwas sage. Sie antwortete mit „Ja“ und ergänzte, früher wären derartige Sinnsprüche, aber speziell auch dieser, in Poesie-Alben eingetragen worden.
Ich selbst hatte in meiner frühen Jugend mit Poesie-Alben nichts am Hut. Mich interessierten damals mehr historische Zinnfiguren, von meinen älteren Brüdern weitergegebene Märklin-Autos und Stabilbaukästen.
Um die Geschichte der Inschrift noch etwas weiter aufzuhellen, habe ich — ganz gegen meine Gewohnheit — das Internet befragt. Diese Recherche hat ergeben, dass der Spruch dem Dichter Ludwig Uhland zugeschrieben werden müsse, der von 1787 bis 1862 gelebt hat.
Wenn man berücksichtigt, dass es damals einige Jahrzehnte gedauert haben dürfte, ehe solche Worte im Volk Verbreitung gefunden haben, spricht viel dafür, dass die Inschrift im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts, spätestens in den Jahren vor dem 1.Weltkrieg ihren Platz an der Fassade gefunden hat.
Ich denke, wir haben allen Grund, dem hierfür verantwortlichen früheren Hauseigentümer, wer auch immer es gewesen sein mag, dafür zu danken, dass dieser schöne Sinnspruch heute die Fassade unserer Burg schmückt.
Lulu